
 Mitten im Kreuzberger Kiez, zwischen Moritz- und Mariannenplatz, eröffnete vor einem Jahr die Kopenhagener Grafikwerkstatt von Niels Borch Jensen mit Isabelle Du Moulin eine Dependance. Junge Künstler entdecken bei ihm ein tot geglaubtes Medium neu. Die aktuelle Ausstellung mit Selbstporträts von Max Beckmann ist wie ein Generationsvertrag.
Das Interieur gleicht einem Atelier, einer Druckwerkstatt und Galerie zugleich, und wer den Weg zum Verlag und den Ausstellungsräumen Niels Borch Jensen über den Hof des Gründerzeit-Gewerbehofs in der Naunynstrasse gefunden hat, wird von der neuesten, eher musealen Ausstellung überrascht sein. Statt Grafik von zeitgenössischen Künstlern wie Georg Baselitz, dem jungen Olafur Eliasson oder Rosemarie Trockel, deren Arbeiten momentan in Grafikschränken schlummern, hat Europas bekanntester Spezialist für Kupferdruck eine Lektion in Sachen zeitgenössischer Moderne vorbereitet: seltene Druckplatten von Max Beckmann. Anhand von fast dreissig Radierplatten kann der Besucher chronologisch sowohl an Selbstporträts aus den Jahren 1904, 1918, 1921 bis 1929 wie auch an Motiven seines Welttheaters die Auseinandersetzung Beckmanns mit diesem Medium nachvollziehen. Die teils nie gedruckten, aber im unverkäuflichen Privatbesitz befindlichen Platten samt Probedrucken zeigen die Vielfalt der Originale und stellen die Schraffur und Ätzung der Kaltnadelradierung dem in verschiedensten Weisstönen gedruckten Papier gegenüber.
Kein Zufall, dass Niels Borch Jensen ausgerechnet Beckmanns grafisches Werk ausgewählt hat, um die raffinierte Konstruktion von Linien und Formen in einen festen szenischen Gerüst zu veranschaulichen. Vor allem bietet die unmittelbare Konfrontation von Platte und Papier die Möglichkeit, die Arbeit des Druckers zu beurteilen und den extremen Rhytmus von horizontalen, vertikalen und diagonalen Strukturen im Positiv- und Negativeffekt zu verfolgen. Beckmann gilt hier als hervorragendes Demonstrationsobjekt für die technischen Möglichkeiten des Kupferdrucks, und sämtliche Formen von Platten - sowohl unbedruckte als auch mehrfach überarbeitete - ergänzen das Spektrum, das Niels Borch Jensen selbst hervorragend beherrscht. Nur, dass er seiner Arbeit als Drucker extrem innovative Wirkungen hinzufügt und sogar verschiedene Techniken mischt und auch für Formen wie Fotogravüre bei Künstlern wie Albert Oehlen auch mit computergenerierten Vorlagen arbeitet, die er druckreif umsetzt.
1979 gründete Niels Borch Jensen seine eigene Druckwerkstatt in Kopenhagen, und ausgerechnet sein inzwischen international bekannter Landsmann Per Kirkeby fuhr mit dem Fahrrad vor und wurde sein erster grosser Auftraggeber. Kirkeby suchte eine erfahrene Druckwerkstatt, um seinen abstrakten Mikrokosmos aufs Papier zu bannen, und druckt bis heute mit Niels Borch Jensen seine Metaomorphosen des Organischen. Als Verlag und Werkstatt geniesst der Däne heute das Vertrauen von Georg Baselitz , Albert Oehlen, Günther Förg und Rosemarie Trockel und hat für jeden Künstler das passende grafische Rüstzeug parat: Mit Martin Kippenberger wagte er sich an Fotogravüre, Damien Hirst konnte er vom komplizierten Kupferdruckverfahren überzeugen, mit Rosemarie Trockel experimentierte er im Bereich der Fotogravüre und will sie unbedingt noch für Aquatinta und Kaltnadel begeistern. In der mehr als zwei Jahrzehnte andauernden Zusammenarbeit mit Kirkeby hat er mittlerweile sämtliche Mischtechniken ausprobiert, so etwa Linolschnitt, kombiniert mit Radierung und Holzschnitt. "Hier sind wir beide ohne handwerkliche Regeln direkt zum Kern des Werkes vorgedrungen, haben fast auf Farbe verzichtet und stattdessen kaum Sichtbares zu plastischen Strukturen verdichtet", schildert Niels Borch Jensen das Abenteuer des Druckens. Niels Borch schätzt Künstler, die sich ohne Angst und Vorurteile gegenüber den verschiedensten Techniken der Grafik mit ihm auf fast anarchistische handwerkliche Experimente einlassen. In der Bildsprache von Kirkeby gilt es Aufgabenstellungen zu lösen und Fragen zu beantworten wie etwa: Wie sieht die Rückseite eines kahlen Baumes bei blendender Wintersonne aus?! Auch hierfür findet der Künstler gemeinsam mit seinem vertrauten Drucker eine passende Antwort auf Papier.
Niels Borch Jensen erinnern diese Aktionen an seiner Druckerpresse, die zu den grössten Europas gehört und 3 Meter mal 1,50 Meter misst, als regel- und respektlos angewendete und grenzüberschreitende Grafiktechnik an musikalische Session mit allen Möglichkeiten der Improvisation.
Die Berliner Presse, die immerhin die imposanten Masse von 2,50 Meter mal 1,20 Meter hat und per Handkurbel betätigt wird, weiht Niels Borch Jensen demnächst mit Drucken von Elisabeth Peyton ein. Spätestens dann dürfte seinen Räumen der typische Geruch von Terpentin anhaften. Christina Wendenburg
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|  TIP - Berlin Magazin 28.9. - 11.10.2000
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